Die Farbe rosa

Kann man als Mensch, der Genderfluid und bi-sexuell ist, trotzdem Vorurteilsbeladen sein? Ja, das geht!
Zu meinem Leidwesen habe ich diese Erkenntnis vor Kurzem selbst machen und damit auch ein Teil meines Selbstbildes revidieren müssen.
Das Objekt meiner Vorurteile? Mein Sohn und die Farbe Rosa …

Bevor unser Kind geboren wurde, habe ich viele Tage damit verbracht, mich und meine Situation zu reflektieren. Alleine, mit meiner Partnerin und auch mit engen Freunden. Der Grund dafür war die Frage, ob ich mich selbst dazu zwingen sollte, in meinem engsten Familien- und Freundeskreis nicht mehr zu Crossdressen und das Thema am Besten einfach sang- und klanglos an den Nagel zu hängen.

Wichtige Fragen und Sorgen

Für diese Frage gab es mehrere Gründe:

  • Präge ich unserem Kind mit meinem Lebensstil bereits vor und verbaue ihm damit eine eigene Entwicklung?
  • Erschwere ich unserem Kind den Umgang mit anderen Kindern und Eltern?
  • Fühle ich mich gut dabei?

Um das Pferd einmal andersherum aufzuzäumen: Nein, ich würde mich nicht besser fühlen, wenn ich meine Kleider, meine Schuhe, mein Make-Up, meine Accessoires … kurz, alles wieder verschenken oder wegschmeißen würde. Das würde für eine kurze Weile gut gehen, danach würde sich in mir wieder dieses Bedürfnis aufbauen, meiner weiblichen Seite auch Ausdruck zu verleihen.
Das habe ich schon einige Male erlebt und nicht eine Phase davon war wirklich angenehm. Aber das ist ein Thema für sich.

Die Antworten

Auf jeden Fall lässt sich die Frage nach dem „Fühle ich mich gut dabei?“ recht einfach beantworten. Die anderen Fragen waren für mich deutlich schwieriger.
Vom ersten Tag an, an dem wir wussten, das wir ein Kind erwarten, habe ich mich gefragt, ob mein Geschlechterausdruck unser Kind in Schwierigkeiten bringen wird. Ich wurde von der Grundschule an schwer gemobbt, auch weil ich vermeintlich schwul sei – und hatte Angst, das mein Kind diese Erfahrung auch machen muss, nur weil ich meinen Geschlechterausdruck lebe.

Die Angst ist bis heute geblieben. Und die Antwort auf die Frage, „Erschwere ich unserem Kind den Umgang mit anderen Kindern und Eltern?“, lautet leider: vermutlich tue ich das.

Trotzdem habe ich mich dazu entschieden, diesen Weg weiter und öffentlicher zu gehen. Ich mag unserem Sohn beibringen, dass es keinen Unterschied machen sollte, wie man sich fühlt und wie man sich gibt, solange man ein netter Mensch ist. Wir, meine Partnerin und ich, wollen unser möglichstes tun, um aus eventuell schlimmen Situationen noch einen Benefit für unser Kind zu erzeugen, nämlich in dem wir das Selbstbewusstsein und die Freude in unserem Kind stärken.

Auch die Antwort auf die Frage „Präge ich unserem Kind mit meinem Lebensstil bereits vor und verbaue ihm damit eine eigene Entwicklung?“: vermutlich tue ich das.

Und das ist in Ordnung so. Wenn der geprägte Lebensstil erfüllt ist von Verständnis, Toleranz und Offenheit, dann möchte ich unserem Kind genau das beibringen.

Der Zwischenfall

Ich habe also für mich, einer freigeistigen Person, die beschlossen hat öffentlicher zu ihrer femininen Seite zu stehen, entschieden, unser Kind genauso offen zu erziehen. Und dann hat meine Partnerin einen schönen, rosafarbenen Body für unseren Sohn gekauft und ihn angezogen. Er lag auf dem Wickeltisch und nuckelte an seinem Lieblingsschnulli – und meine erste, auch geäußerte Reaktion war: „Oh, man erkennt gar nicht mehr, dass er ein Junge ist. Das fühlt sich komisch an.“

Meine Partnerin sah mich entsetzt an. Nach einer Schocksekunde zog sie den Body aus und packte ihn zu den Sachen, die schon zu klein sind. Damit war das Thema erst einmal erledigt.

Erst einige Tage später gestand meine Partnerin mir, dass sie von der Aussage sehr überrascht war. Ja, sie hat sich selbst sogar getroffen gefühlt. Wir hatten uns ja gemeinsam dazu entschieden, dass wir bei der Erziehung unseres Sohnes darauf Rücksicht nehmen, was ihm gefällt und uns nicht in vorgegebene Klischees verstricken wollen. Gerade von mir hatte sie eine solche Aussage nicht erwartet.

Schock

Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um zu verstehen, was da passiert ist. Und vor allem, was ich jetzt fühle.

Geschockt ist gar nicht der richtige Ausdruck. Ja, ich habe mich erschrocken, dass ich so einfach, aus dem Handgelenk, eine Klischee auf mein Kind angewandt habe. Ja, es ist noch zu klein, um zu verstehen welche Farbe der Body hat und welche Eigenschaften der Farbe Rosa zugesprochen werden. Aber darum geht es auch nicht.

Scheinbar trage ich dieses Klischee, dass Jungs in Rosa nicht männlich sind, auch in mir. Anerzogen von der Umwelt. Unterbewusst gibt es in mir also ein Bild davon, wie ein Junge und wie ein Mädchen auszusehen hat. Diese Erkenntnis hat mich sehr getroffen, habe ich mich doch für frei von solchen Betrachtungen gehalten.

Sicher, zu einem Stück weit funktioniert es nicht anders. Gerade mit dem Gedanken an das Crossdressing, fällt mir auf, dass immer ein Gedanke da sein muss, der weiblich von männlich unterscheidet: ansonsten bräuchte ich ja das Crossdressing gar nicht. Wenn diese Äußerlichkeiten in meinem Empfinden keinen Unterschied machen würden, dann könnte ich mich auch als Frau darstellen, ohne z.B. ein Kleid zu tragen. Tue ich aber selten.

Ich habe also in der Situation etwas von mir auf mein Kind übertragen, besser gesagt, projiziert. Und zwar meine Angst. Die Angst, das es nicht in Ordnung ist, etwas anzuziehen, was eigentlich nur das andere Geschlecht tragen darf. Die Angst, dafür gescholten, gedemütigt oder aber auch verletzt zu werden.

Schlussfolgerung

Diese Angst sitzt tief. Ich fühle genderfluid seit dem ich zwölf oder dreizehn war. Erst als ich ausgezogen und volljährig war, bin ich nach einer – für mich – sehr ungesunden Beziehung offener mit meinem Geschlechterausdruck umgegangen. Meine heutige Partnerin wusste davon schon von unserem ersten Treffen an.

Diese Angst und auch das tiefsitzende Bild der Geschlechter vernünftig zu verarbeiten wird mich viel Zeit kosten. Darüber hinaus, möchte ich aber meinem Kind nicht beibringen, dass es sich für etwas schämen muss oder es sich nicht so geben darf, wie es sich fühlt.

Sicher ist mein Sohn heute noch zu jung gewesen, um hier eine Präferenz zu haben oder verstanden zu haben, was passiert ist. Aber er wird mit jedem Tag größer, älter und aufmerksamer. Ich möchte mit meinen Gefühlen im Reinen sein, bevor wir uns in einer Situation wiederfinden, die meinen Sohn prägen wird – und das unter Umständen nicht zum Positiven. Denn eine Angst ist leicht entwickelt, aber nur schwer besiegt.

Ich werde ab jetzt meine Ängste überdenken und bewusster in meinen Alltag gehen. Außerdem trage ich seitdem den linken Ringfinger lackiert. Es ist ein kleines Detail, das in meinem Alltag immer weiblich aussieht und mich immer daran erinnern soll, dass es in Ordnung ist, so zu sein wie ich bin!
(Und praktischerweise kann ich die Nagellackfarbe auch immer den Anlass entsprechend aussuchen. Ich muss also nicht mit knallrotem Nagellack in die Besprechung mit dem Chef)

Dabei nehme ich mir im Übrigen ein Beispiel an Penn Jillette, einem großartigen Magier, der immer einen Nagel rot lackiert hat, in Erinnerung an seine Mutter. Die volle Geschichte dahinter ist wirklich rührend und ich werde sie auf jeden Fall noch einmal aufgreifen.

So, das war es erst einmal für heute – ein ganzes Stück Arbeit ist vollbracht.

Bitte passt in diesen Zeiten gut auf euch auf und bleibt gesund.

Eure Bina

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