Eine Frage der Einstellung

Fünf erwachsene Männer starren wie gebannt auf einen Flachbildfernseher. Gebannte Blicke, einem der Männer steht der Mund offen. Was sie sehen, scheint sie zu schockieren.

Auf dem klaren Bild des Gerätes kann man den Mitschnitt einer Operation betrachten. Eine Gestalt mit rotem Vollbart und krausen Haaren ist hinter dem klinisch-grünem Tuch zu erkennen…

Was nach dem Anfang eines Horror-Filmes klingt, ist der Anfang der fünften Folge der zweiten Staffel Queer Eye, eine Serie die ich und meine Partnerin letztens durch einen guten Freund entdeckt habe.

Was ist Queer Eye?

Bei Queer Eye besuchen die Fab Five, fünf homosexuelle Männer, Personen die von ihrem Umfeld für ein Make-Over nominiert werden – denn jeder dieser Personen steht vor für sie große Probleme in ihrem Alltag. Es reicht von einem Mann, der sich als abgrundtief hässlich empfindet, über die Mutter eines schwulen Sohnes in einer U.S.-amerikanischen Kleinstadt, bis hin zu Männern, die vor lauter Arbeit ihre Familie oder sich selbst vergessen.

Die Fab Five entrümpeln das Leben, die Wohnung, den Kleiderschrank der Nominierten und zeigen ihnen wie sie mit einfachen Tricks und Verhaltensänderungen einen angenehmeren Alltag und ein sich selbst gestecktes Ziel am Ende der Woche erreichen.

Ich fasse die Folge kurz zusammen: Skylar wurde als Frau geboren, hat aber schnell festgestellt, dass sie sich nicht diesem Geschlecht zugehörig fühlt. Der Wunsch den Körper an Skylars Gefühlswelt anzupassen, hat Skylars Familie zerissen und zu der oben beschriebenen Operation geführt. Im Laufe der Woche zeigen die Fab Five Skylar, welche Kleidung für einen frisch gebackenen Mann angemessen ist, helfen ihm dabei seinen Führerschein umschreiben zu lassen und sich am Ende der Woche bei seinen Freunden für die Unterstützung auf diesem Weg zu bedanken.

Warum ist das für mich jetzt einen Blogbeitrag wert? Nun, ich muss gestehen, dass mich fast jede einzelne Folge zu Tränen rührt, aber bei dieser Folge war etwas anders. Sie hat mich nicht nur zu Tränen gerührt, sondern mich auch etwas länger zum Nachdenken angeregt.
Als Crossdresser / Transvestit / „keine-Ahnung-wie-ich-mich-bezeichnen-soll“ habe ich meinen Fokus immer auf mich und meine Empfindung des ganzen Themas gelegt. Zwar habe ich in jungen Jahren überlegt, mein Geschlecht angleichen zu lassen, bin diesen Schritt aber nie gegangen. Der Leidensdruck, der notwendig ist, um einen solchen Schritt zu gehen, war bei mir nie groß genug. Zwar war ich gelegentlich mit meinem männlichen Körper unzufrieden, im großen und ganzen aber stolz auf ihn (und bin es auch heute noch!).

Aber ihr könnt selbst an meinen Blog-Einträgen und auch an den Mangas bzw. Animes die ich gelistet habe, sehen, dass es sich in erster Linie um Männer handelt, die sich als Frauen verkleiden oder zu Frauen werden. Das ich mal einen Anime oder Manga lese, in dem es umgekehrt ist, ist eine Seltenheit. Ich habe mich also gedanklich auf eine, auf meine Schiene, versteift und mich auch nur mit diesem Blickwinkel in meiner Umwelt umgesehen. Die Leiden, die ein Mann empfindet, der aber lieber eine Frau sein möchte, sind für mich nachvollziehbar, sind greifbar. Die Leiden, die eine Frau empfindet, die sich wünscht ein Mann zu sein, waren für mich lange Zeit nicht offensichtlich – und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich auch einen Transmann in meinem persönlichen Umfeld kenne und häufig mit ihm zu tun habe.

Mir hat es sehr leid getan, zu sehen wie sich Skylar durch seinen Alltag kämpft, ohne jemanden, der ihm erklärt, wie er die grundlegensten Dinge machen soll. Rasieren ist für einen Mann eine Sache, die er spätenstens am Ende der Pubertät lernt, beigebracht durch seinen Vater oder seine Geschwister. Skylar fehlen diese Bezugspersonen, diese Orientierungspunkte am Ende seiner ganz eigenen Pubertät.

Auch wenn ich auf diesem Blog mich selbst als Frau leben und verwirklichen kann, habe ich als geborener Mann, eine Reihe von Erfahrungen gemacht, die einem Transmann wahrscheinlich noch fehlen. Wenn ihr also Fragen habt, zu ganz alltäglichen oder auch nicht so alltäglichen Dingen als Mann: schreibt mich an oder lasst mir einen Kommentar hier, ich werde dann versuchen diese Frage so gut wie es mir möglich ist zu beantworten.

Ihr seid nicht alleine dort draußen, kein Mensch ist es, egal des Geschlechtes oder der Geschlechterrolle.

Liebe Grüße

Cassidy

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